Freya
aus Messingdolle
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Seit 1988 ist die Osterwanderfahrt der jugendlichen Ruderinnen und Ruderern nach Hamburg schon fast zu einer festen Tradition geworden. Solange ich mich erinnern kann, liegen in der Halle unserer Gastgeber zwei alte Klinkerboote. Wotan ist ein A-Klinkervierer mit Steuermann, während die Freya ein A-Zweier mit Steuermann ist.
Die besten Jahre haben diese Boote schon lange hinter sich und werden bedingt durch ihren bedauernswerten Zustand auch nicht mehr gerudert. Von den Strapazen des immer wiederkehrenden Hochwassers, das auch vor der Bootshalle nicht immer halt macht, und fehlende Pflege zeugen die vielen Risse, faulen Stellen an Kiel und Planken. Eigentlich ein Fall für ein Osterfeuer oder einen Blumenkübel. Das Licht der Welt haben beide im Jahre 1952 bei Abeking und Rasmussen in Bremen Lemwerder. Die Werft durfte in den Nachkriegsjahren nur Sportboote bauen und hat sich dann zwei Jahre unter anderem Ruderboote als Zweier und Vierer gebaut. In dem Buch XXXX ist vermerkt, daß die Freya unter der Baunummer XXX am XXX an die Wikinger in Hamburg ausgeliefert wurde.
Die erste Ausfahrt nach 15 Jahren
Nachdem wir Ostern 2003 einmal mehr unsere Boote nach vier schönen Rudertagen wieder verladen hatten und es vor der Bootshalle immer noch sonnig und warm war, kamen wir auf die verrückte Idee, die Freya schwimmtüchtig zu machen. Im Fahrtenbuch war die letzte Ausfahrt 1988, also vor ca. 15 Jahren verzeichnet. Auch die Ausleger fanden wir in der Halle, zwei Dollen waren allerdings von unten montiert und mußten mit Werkzeug erst einmal in eine ruderfähige Position gebracht werden. Sebastians Duck-Tape leistete bei der Abdichtung der Risse und Löcher erst nach Entfernung der festen Schlick- und Dreckschicht hervorragende Arbeit. Die alten Rollsitze und Schienen wurden mit Kratz-Schwämmchen und Spüli vom gröbsten Dreck befreit und eingesetzt und das Boot mit vereinten Kräften zu Wasser gelassen. Bedingt durch die gedeckte Bausweise mit Schotten und Abdeckungen in Bug und Heck wußte man nicht so genau, wo man anfassen sollte. Die Befürchtungen der Anwesenden, die auf einen schnellen Untergang getippt hatten, wurden nicht bestätigt und so konnten wir dann vorsichtig einsteigen. Der erste Schritt auf die Kielleiste ließ schon nichts gutes erahnen: durch die faulen Bodenspanten bewegte sich der Kiel mit inneren Planken schon bei geringer Belastung, alles war „weich“. Hier wurde mir langsam klar, daß es mit einigen „Schönheitsreperaturen“ nicht getan sein würde. Einzig Kiel, Heckspiegel, Steven, Gondelleiste, sowie ca 80 % der Planken, Haupt- und einige Nebenspanten waren in einem erhaltenswerten Zustand.So richtig gut rudern ließ sich die Freya auch nicht, was einerseits an der viel zu tiefen Riggerung lag, zum anderen liefen die Rollsitze nur sehr holperig und die uralten Skulls konnte man nur mit viel Mühe drehen. Trotzdem durfte jeder der wollte eine Runde auf dem Marktkanal drehen – auf die Elbe haben wir uns dann nicht getrautWieder zurück an Land verstauten wir alles wieder vorsichtig in der Halle, so wie wir es vorgefunden hatten. Meine Lust auf dieses Boot war verflogen, und obwohl ich Reperaturen in diesem Umfang noch nie gemacht hatte war mir klar, daß eine Instandsetzung nur mit einem sehr hohem Aufwand an Geld und Zeit möglich wäre. Und wer fährt bei uns schon einen Klinkerzweier mit Steuermann ?
Schleifen, Ausbauen und Entlacken
Im Frühjahr hatte ich mit Frank Mackedanz zusammen einige Tage Hamburg per Fahrrad angedacht. Nach reiflicher Überlegung kontaktierte ich zuvor Harald Heffe von den Wikingern und einigte mich mit ihm über einen fairen Preis für die Freya.Ausser diesem Geld gab es ja nichts zu verlieren. Da sich im Gegenzug die Wikinger für unseren „Hans“ interessierten fuhr ich dann mit Passat und Anhänger Mitte Mai 2003 wieder Richtung Nordsee und hatte auf der Rückfahrt nach Köln dann zwei Boote auf dem Anhänger. Der Hans entsprach leider nicht den Vorstellungen der Wikinger, der Zustand der Freya war ja nichts neues für mich.
Mein Interesse galt nun dem, was sich hinter den festen Abdeckungen bisher verbergen konnte. Bug und Heck wurden freigelegt, der alte klappbare Steuersitz mit Stauraum wurde entfernt. Hier hatte schon jemand mit Kleber und Silikon versucht, die verfaulten Spanten zu „reparieren“. Leider hat dieser Pfusch dann noch mehr Feuchtigkeit an diesen Stellen gehalten und so die darunter liegenden Planken unwiederbringlich beschädigt. Die vielen lieblos auf Löcher in Planken genieten Brettchen fielen ebenfalls in Ungnade und mußten das Bot verlassen. „Brettchen“hätte sich schon gut geeignet als neuer Name, aber letztendlich ist es dann doch bei Freya geblieben.
Wirklich sehr mühsam bei der Renovierung von Klinkerbooten ist es, den Lack zu entfernen. Insbesondere innen, zwischen Querlagern, Diagonalen und Spanten ist es eine Arbeit, die nicht mit Maschinen zufriedenstellend zu erledigen ist. Der Zustand des Lackaufbaus war Außen und auch Innen so schlecht, daß wir beschlossen alles zu entfernen. Bewaffnet mit Heißluftgebläse, Ziehklingen, Stechbeiteln und Schleifpapier machten sich viele fleißige Helfer daran, das Holz vorsichtig freizulegen.
Von außen hatte man vor Jahren die Stöße zwischen den einzelnen Planken mit braunem Sikaflex „zugeschmiert“. Wer Sikaflex kennt, weiß, wie gut dieser Dicht/Klebstoff auf allem Möglichen hält. Mit hoher Temperatur und Ziehklinge konnte man dann die Nähte Zentimeter um Zentimeter freilegen. Insgesamt mußten wir fast 120 laufende Meter (7 Planken auf jeder Seite, also ca.14 Nähte a 8,50 m Länge) bearbeiten und manches mal hat einen dabei auch ein wenig die Lust verlassen, da es irgendwie nicht weniger wurde.
Die ersten neuen Spanten
Zu diesem Zeitpunkt habe ich dann angefangen, die neuen Bodenspanten anzufertigen. Da die alten so verfault waren, daß sie nicht mehr als Schablone für die die neuen dienen konnten, mußte ich Schablonen aus Pappe anfertigen, um den Umriss jeder einzelnen Spante auf Papier bringen zu können. Das Benötiget Eschenholz hatte ich zuvor bei Karl Kohl am Deutzer Hafen besorgt. Die Bretter die aus kompletten Holzstämmen nach dem Schneiden von Furnier übrig bleiben sind sehr unterschiedlich dick und teilweise auch etwas verzogen. Um die Spanten milimetergenau mit der Sticksäge auszusägen, muß man sich daher immer eine gerade Stelle aussuchen. Insgesamt waren 14 Bodenspanten zu sägen und anzupassen. In der Zwischenzeit war das Innere des Bootes vollständig entlackt und geschliffen worden und wir konnten über den Einbau der vier neuen Hauptspanten für den dritten Ruderplatz nachdenken. Die Freya sollte ihre Wiederauferstehung nämlich als Dreier feiern können. Diese Überlegung hatte ich schon damals angestellt, da Zweier mit Steuermann außer auf Wanderfahrten niemand rudern würde. Der neue Ruderplatz wurde so vermessen, daß die Abstände der Spanten bzw. Querlager denen neuerer Boote schon recht nahe kommen um auch größeren Ruderern ein vernünftiges Rudern zu ermöglichen. Alle Spanten wurden zwei mal lackiert und am Kiel und an den Planken, die erhalten bleiben sollten, festgeschraubt, bzw.festgenietet.
Die neuen Planken
Für den Austausch der Planken wollte ich eigentlich auf Herrn Molitors Kompetenz zurückgreifen, leider war er zu der Zeit mit dem Umbau und Renovierung eines Hauses beschäftigt, und mein Ziel war es, die Freya im Frühjahr 2004 als ruderbares Boot mit nach Hamburg zu nehmen. Da ich noch nie Planken selber getauscht hatte und die notwendigen Arbeiten nur vom sehen und helfen kannte, machten Florian und ich mich nach Weihnachten erst mal an ein ganz kleines Stück Planke heran.
Vorsichtig haben wir die Planke ausgesägt, die Enden im Boot angeschäftet und ein neues etwa 20 cm laganges Stück eingepasst. Wie wir später merken mußten, sind gerade die ganz kurzen Stücke extrem „bockig“ und wollen sich so garnicht der Biegung des Bootes anpassen. Aber wir hatten ja noch genügend Stellen, an denen wir unser können verfeinern konnten. Ich hatte bei Dirk Meyenburg in Bonn. 6x4 laufende Meter feinstes Cedrella Holz gekauft (ca 12 Euro / m) und bis auf zwei Meter haben wir auch alles verbaut. Beide Kielplanken wurden fast vom Bug bis zum Heck getauscht, sie waren am Kiel völlig weggefault und waren dort auch schon öfter mit Harz, Brettchen und Silikon geflickt worden.
Zum Ausbau der alten Planken worden die Nietenköpfe mit dem „Dremel“ weggeschliffen, danach die Nieten mit einem Durchschlag entfernt und die Planken unter Erwärmung auseinandergedrückt. Das Erwärmen hatte den Vorteil, das der alte Lack zwischen den Planken weich wird und so die Nachbarplanken fast unversehrt bleiben. Die ausgebauten Planken wurden als Schablone für die Form des neuen Stückes genutzt. Die später zum Kiel zeigende Kante der Planke wurde sauber begradigt und gehobelt, da man sie dort nach dem Einbau nicht mehr bearbeiten kann. Die zum Dollbord zeigende Seite wurde erst nach dem Einbau mit dem Hobel angepasst um Toleranzen auszugleichen.
Augenmaß, Gefühl und eine Portion Glück
Das größte Problem liegt eigentlich darin, die Fläche an der die Planken horizontal übereinander liegen, im korrekten Winkel anzuhoblen, so daß diese hinterher plan aufeinander liegen. Der Winkel dieser sogenannten "Lannung" verändert sich dabei natürlich, je nachdem ob man mehr in der Mitte des Bootes, oder an Bug oder Heck, bzw mehr zum Kiel oder Dollbord hin arbeitet. Ich bin eigentlich jemand der lieber gerne mißt, sich Schablonen oder ähnliche Hilfseinrichtungen macht und bevor es losgeht, alles fest eingestellt hat. Nun ist es beim Hobeln auf vier Meter langen Brettern doch etwas anders. Man muß das mit Vorsicht, viel Augenmaß, Geduld ,sehr viel Erfahrung und auch ein wenig Glück angehen, einen zweiten Versuch hat man meißtens nicht. Erfahrung hatten wir leider keine, also mußten wir von den ersten „Zutaten“ mehr nehmen und eigentlich hat es immer sehr gut geklappt. Wenn die Planken fertig sind zum einsetzten, werden die Kontakstellen mit den anderen Planken (oben und unten) mit Lack vesehen, die seitlichen mit Epoxidharz. Die Stöße mit dem Kleber werden dann mit Winkeln und Schrauben zusammengepresst, die Längsseiten etwa alle 5 cm mit oberer und unterer Planke vernietet. Ich weiß nicht genau wieviele Nieten Florian und ich vernietet haben aber auch diese Arbeit scheint manchmal kein Ende zu nehmen, so daß wir manchen Abend bis nach Mitternacht in der Werkstatt verbracht haben. Um die bekannten Undichtigkeiten zwischen Kiel und Planke von Beginn an zu unterbinden, wurde hier vor dem Einsetzten der Planke eine dünne, jetzt nicht mehr sichtbare Naht Sikaflex aufgetragen. Einem Bootsbauer würde diese Lösung vermutlich nicht gefallen, aber was nützt das schönste Boot, wenn es nach längerer Trockenperiode immer wieder an genau dieser Stelle undicht wird.
Innenausbau: Querlager, Diagonalverstrebungen und Dollbordleiste
Nachdem die Planken endlich alle wieder eingesetzt waren, konnten wir uns dem Innenausbau zuwenden. Fünf Querlager mußten ersetzt, bzw. Für den neuen Ruderplatz komplett neu eingebaut werden. Auch die Diagonalverstrebungen unter Platz 1 sollten ersetzt werden. Als kompliziert und sehr Zeitaufwendig gestaltete die Beschaffung und Einpassung der Dollbordleiste. Die Ursprüngliche Leiste, die vorne und hinten in die festen Abdeckungen überging konnte nicht mehr eingesetzt werden. Normalerweise wird die Leiste aus Hemlock, einer kanadischen Kiefernart hergestellt. Ich hatte aber bei e-bay Teakholz Leisten ersteigert, die Frank in seinem Audi A2 mit aus der Gegend um Hameln bringen durfte. Leider ist bei Ruderbooten nichts im Rechten Winkel. Die Dollbordleiste mußte also an eine unterschiedliche Neigung des Dollbords angepasst, und zusammen mit dem XXX eingepasst werden. Alleine der Optik dient dann als krönender Abschluß eine Halbrundleiste auf der Wasserseite des Dollbords.
Der erste neue Lack
Jetzt konnte der Bootskörper das erste mal lackiert werden. Mit viel Verdünnung im ersten Anstrich wurde mit einem langen Pinsel jeder Quadratzentimeter mit Lack versorgt. Nach zweitägigem Trocken mußten alle Flächen nochmal mit feinem Sandpapier sorgfältig geschmirgelt werden, um beim nächsten Anstrich ein glatte Oberfläche zu bekommen.
Jetzt konnten die Stemmbretter und Rollschienen angefertig und in das Boot eingebaut werden. Um das leidige rubbeln der Rollschienen zu umgehen, wurden diese aus Edelstahl mit Holzunterbau angefertigt – nicht ganz so einfach aber dafür dauerhaft. Die neuen Stemmbretter auf den Plätzen 2 und 3 sowie das Steuerstemmbrett auf 1 wurden für die erste Ausfahrt montiert. An einem sonnigen Samstag Nachmittag im März, war es dann so weit: die alten verrosteten Ausleger wurden angeschraubt, die Dollenhöhe vermessen und ein Steuersitz provisorisch montiert. Ich wollte auf diese Art und Weise...
Wird fortgesetzt....
